JAN MORRIS ALS MANN GEBOREN, ZUR FRAU BESTIMMT
44 Jahre lang hieß er “James”, war einer der berühmtesten Journalisten Großbritanniens und schrieb 19 Bücher. Dann wurde sie “Jan” und verfasste 25 weitere Bücher.

Inzwischen ist Jan Morris 73 Jahre alt und schreibt immer noch - auch über sich selbst. Vor fast 30 Jahren reiste ich von meiner Heimat in Wales nach Casablanca, um zu vollenden, was man damals gedankenlos “Geschlechtsumwandlung” nannte. Heute heißt es “Geschlechtsanpassung”, was die Sache besser trifft. Schließlich schafft es der beste Chirurg nicht, einen Mann in eine Frau zu verwandeln - oder umgekehrt. Alles, was die Ärzte tun können, ist, den Körper an das Geschlechtsgefühl des Patienten anzupassen. Und wie wir heute wissen, spiegelt dieses Empfinden oft genug nicht die biologische Erscheinung wider: Die Frau mit den härtesten Zügen kann durch und durch weiblich fühlen; feminin anmutende Männer können verblüffend fruchtbar sein.
Ich selbst war ein Mann, zumindest äußerlich. Kein Zeichen von Zweigeschlechtlichkeit, glücklich verheiratet, Vater von fünf Kindern. Ich hatte vier Jahre als Soldat im Krieg gedient, danach ein abenteuerliches Leben als Korrespondent geführt und ein paar Bücher geschrieben. Trotzdem: Seit meiner Kindheit war ich überzeugt, dass mein biologisches und mein gefühltes - “soziales” Geschlecht nicht übereinstimmten. Während das biologische Geschlecht statisch ist, so schien mir die Grenze zwischen Männlich- und Weiblichkeit fließend zu sein. Ich hatte den Eindruck, dass bei den meisten Leuten der Zeiger ihres Empfindens eindeutig auf “Mann” oder “Frau” wies. Ich aber fühlte nicht, was ich war.
Und deshalb flog ich, nach jahrelangen Hormon-Experimenten, nach Marokko, um zu sehen, was die Chirurgie für mich tun könnte. Ärzte für eine solche Behandlung waren damals in Europa ähnlich schwierig zu finden wie ein Ticket zum Mond. Die Experten taten, was sie konnten, und seither lebe ich glücklich als Frau. Bis zum heutigen Tag pflege ich gute Kontakte zu alten Freunden aus meiner Militär- und Journalistenzeit, und ich trage den Ehrentitel “Commander of the Order of the British Empire”.
Glücklicherweise hat mich meine Familie immer unterstützt. Seit nunmehr einem halben Jahrhundert bin ich zusammen mit einer Frau, die früher meine Angetraute war, und meinen Kindern in großer Liebe verbunden. Dennoch führe ich heute ein völlig anderes Leben, das einen ganz besonderen Vorteil birgt: Es ermöglicht mir, wie von einem Hochsitz aus, den privilegierten Blick auf das allmähliche Verschmelzen der Geschlechter, ein Phänomen, das die Geschichtsschreibung einmal als einen der größten Fortschritte des 20. Jahrhunderts definieren wird. Wenn ich auf die westlichen Gesellschaften blicke, sehe ich überall eine geheimnisvolle Entwicklung, eine tiefgreifende Veränderung im Verhältnis zwischen Frau und Mann.
Erstmals habe ich dies bemerkt, als ich auf dem halben Weg meiner eigenen Verwandlung war und nach einem langen Auslandsaufenthalt nach Großbritannien zurückkehrte. Ich war nicht mehr eindeutig als Mann oder Frau zu identifizieren, die Hormonbehandlung hatte eine Art Hermaphrodit aus mir gemacht. Ich war bestens gelaunt, denn ich sah mich auf dem Weg zu meiner persönlichen Bestimmung; aber ich wurde nervös, wenn ich nur daran dachte, wie mich die Gesellschaft aufnehmen würde. Mich, den Offizier der 9th Queen’s Royal Lancers, den verwegenen Korrespondenten der Londoner “Times”, der 1953 der Welt die Nachricht von der Erstbesteigung des Mount Everest überbracht hatte. Wie seltsam, wenn man mich urplötzlich als bisexuelle Kuriosität identifizieren würde. Meine Angst war unbegründet. Zu meinem großen Erstaunen fühlten sich fast alle angezogen von dem Geschlechtshybriden, den ich nunmehr verkörperte. Männer wie Frauen waren regelrecht fasziniert von mir, manchmal sogar neidisch. Ein Mensch, den man wenige Jahre zuvor noch als Monster angesehen hätte, wurde mit einem Mal von allen umhätschelt. Gentlemen der alten Schule behandelten mich außerordentlich rücksichtsvoll; fürsorgende Mütter waren ganz wild darauf, mich ihrem Gatten vorzustellen. Vorübergehend war ich willkommenes Mitglied in zwei Clubs - einem für Männer und einem für Frauen. Heute würde ich mich über so etwas nicht mehr wundem.
Die Symbiose der Geschlechter ist weit fortgeschritten, zum Teil zum Klischee verkommen: Frauen sind heute so abenteuerlustig und selbstbewusst, wie es früher nur Männer waren. Männer schämen sich nicht mehr, sich unterhalb der Machoschwelle zu gebärden. Es gibt praktisch nichts mehr, was Frau und Mann nicht gleichermaßen gut könnten: ein Unternehmen leiten, in der Küche stehen oder den Mount Everest besteigen. Ich bin sicher, wir stehen noch nicht am Ende der Entwicklung, sondern vor einem großen, evolutionären Wandel. Bisher kann kein Mann ein Kind gebären, keine Frau Vater werden.
Doch schon bei mir hat mein Leben als Frau nicht nur mein soziales, sondern letztlich auch mein biologisches Geschlecht gewandelt. Fand ich es auf halbem Wege meiner Entwicklung noch interessant, die Aufmerksamkeit von Männern und Frauen auf mich zu ziehen, so war nach der Operation in Casablanca Schluss damit. Jetzt nahmen mich alle als weiblich wahr - und ich wurde weiblich.
Was die Ärzte nicht vollbringen konnten, realisierte meine Umgebung ohne weiteres: Ich würde zwar nie schwanger werden können, aber in jeder anderen Hinsicht war ich eine Frau geworden. Ist es nicht möglich, in einer Zeit, in der mehr und mehr Frauen dominante Rollen übernehmen und immer mehr Männer sich ihnen problemlos unterordnen, dass die Evolution auch ihre Körper anpasst? Wer weiß, vielleicht hat manch eine Chefin längst das Gefühl, ihr Geschlecht sei nicht ganz richtig eingestellt. Womöglich erlaubt in solchen Fällen eines Tages die Natur von ganz allein, was die Operation in Casablanca bei mir vollbracht hat? Es wird Generationen dauern, bis der Vorstandsvorsitzenden auffällt, dass ihr die Brüste geschwunden, während ihrem Sekretär die Brusthaare ausgefallen sind. Diese Metamorphose der Condition humaine ist der Schritt zur absoluten Freiheit.
Warum wohl hat meine Umwelt meine eigene Verwandlung, meine “Unabhängigkeitserklärung” mit Neid verfolgt? Nicht, dass mir viele folgen wollten. Sie haben mich lediglich um die Möglichkeit, zu wählen, beneidet - eine derart existenzielle Wahl, wie sie sonst nur der Freitod bietet. Für mich war es allerdings nie eine Alternative. Ich fühlte mich zur Frau bestimmt. Die Experten sagen mir heute, diese Sicherheit habe ihren Ursprung vermutlich in einer angeborenen Anomalie des Hypothalamus in den Tiefen meines Gehirns. Ich sehe mich lieber als Pionier. Denn irgendwann wird das biologische Geschlecht frei wählbar werden, so wie heute schon das soziale.
